Ein Nachbericht von Frank Oberpichler 

Internationale Expertinnen und Experten gaben sich am 23. September in der Technischen Hochschule Aschaffenburg die Klinke in die Hand. Manche in Persona, andere wurden digital zugeschaltet. In Anwesenheit von Judith Gerlach, Staatsministerin für Digitales, Eric Leiderer, Bürgermeister und Digitalreferent der Stadt Aschaffenburg, Prof. Dr. Eva-Maria Beck-Meuth, Präsidentin der TH Aschaffenburg sowie Prof. Dr.-Ing. Klaus Zindler, Vize-Präsident TH Aschaffenburg wurde das EU-Projekt „DIALOG CITY“ gestartet, welches die digitale Transformation sozial-integrativer, umweltfreundlicher und wirtschaftlich nachhaltiger Strukturen nicht nur in Aschaffenburg fördern wird.

Zum Kreativformat „UnConference“ fanden sich mehr als 60 Teilnehmer*innen aus insgesamt neun europäischen Staaten an der TH Aschaffenburg ein, um sich intensiv über Fragen einer bürgernahen und partizipativen Digitalisierung auszutauschen. Unter den Teilnehmer*innen waren sowohl Vortragende und Projektpartner*innen, als auch Bürger*innen aus Aschaffenburg und weiteren Städten.

Am Abend zuvor wurde im Digitalen Gründerzentrum, Werkstraße 2 in Aschaffenburg, bereits eine Kick-off-Veranstaltung mit digital zugeschalteten Experten sowie einem Präsenzvortrag veranstaltet. Zunächst sprach Prof. Michael Keith, aktuell Direktor des „PEAK Urban Research Programms“, bis 2019 Direktor des „Centre on Migration, Policy and Society (COMPAS)“ an der Universität Oxford (England). Keith stellte heraus, dass, egal wie wir die Stadt der Zukunft nennen – smarte, resiliente, grüne oder globale Stadt – uns immer bewusst sein muss, dass eine Stadt ein sich ständig verändernder Zustand ist. Um diesen daraus erwachsenden Anforderungen gerecht zu werden, gehe es laut Keith „nicht darum die Bürger*innen zu empowern“, sondern darum „wie sie sich selbst empowern“.

Es folgte ein Videobeitrag von Trevor J. Owens, der zuvor von UnConference-Teilnehmer Wolfram Dornik, Museum Graz, Stadtarchiv, aufgezeichnet worden war. Owens ist amerikanischer Bibliothekar und Archivar, aktuell tätig als Direktor für digitale Dienste an der „Library of Congress in Washington DC“. Laut Owens wird es zunehmend wichtiger, den Bürger*innen bei Fragen zu digitalen Entwicklungen ganz praktisch zu helfen. Dazu brauche es Anlaufstellen, die Städte mit ihren zum Teil zahlreichen Museen bieten, die zu „Orten der Erinnerung“ werden. Owens ist sich sicher: „Die Aufgabe des Museums in der Zukunft ist es, einen Eindruck von der Realität zu geben.“ Das, weil Bürger*innen zunehmend digital kommunizieren werden.

Schließlich hat Prof. Dr. Georg Rainer Hofmann, Direktor des „Information Management Institut“ (IMI) an der TH Aschaffenburg mit seinem Vortrag die Fragen aufgestellt, inwieweit Data etwas mit Intelligenz zu tun hat. Es gehe bei der Vermittlung von Wissen um Verlässlichkeit und Vertrauen. Daher sollten die Fragen im Fokus stehen: „Warum wissen wir das und warum glauben wir, dass es wahr ist?“

Der nächste Morgen brachte dann die erste „UnConference“, als deren Initiator und Koordinator die Stadt Aschaffenburg sich aktiv zeigte, um das bis 2025 laufende Projekt „DIALOG CITY“ offiziell zu starten. Eric Leiderer, Bürgermeister und Digitalreferent der Stadt Aschaffenburg, eröffnete nach einem Grußwort von Prof. Dr.-Ing. Klaus Zindler, Vize-Präsident TH Aschaffenburg, mit den Worten: „Bei der Dialog City steht immer der Mensch im Mittelpunkt – das heißt, dass wir für Aschaffenburg eine technologisch fortschrittliche, wirtschaftlich erfolgreiche, ökologisch nachhaltige und sozial inklusive Stadt wollen.“ Aus diesem Grund sei „(…) es zwingend notwendig, die anstehende Digitalisierung im Dialog mit den Bürger*innen zu gestalten“, so Leiderer weiter. Zindler hatte zuvor die seit Jahren erfolgreiche Kooperation der Stadt Aschaffenburg mit der TH herausgestellt: „Unser gemeinsames Ziel ist es, wissenschaftliche Expertise zugunsten der Weiterentwicklung unserer Kommune einzusetzen, um das Leben der Bürgerinnen und Bürger sicherer und attraktiver zu gestalten.“

Bei der Vorstellung des Programms und des Ablaufs der Vorträge und Sessions am Vormittag erklärte Moderatorin Dr. Nadja Berseck, dass eine Unkonferenz – oder auch „BarCamp“ genannt – für eine innovative ergebnisoffene und niedrigschwellige Konferenzform stehe, die der hierarchiefreien Diskussion, dem Austausch und der Vernetzung von Ideen diene. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer könnten somit die Agenda mitbestimmen.

Eine erste Session wurde von Swantje Güntzel gehalten, einer Künstlerin, die aktuell mit ihrem Mann Jan Philip Scheibe, ebenfalls Künstler, in Hamburg lebt und arbeitet. Güntzel sieht den Fokus ihrer Arbeit bei der Klimakrise, untersucht das Verhältnis Mensch zu Tier und engagiert sich gegen Umweltverschmutzung durch Plastik. Güntzel stellte unterschiedliche Projekte vor, die sie mit ihrem Mann in diversen Ländern realisiert hat. Dabei berichtete sie über die zum Teil sehr aufwändigen Vorplanungen für solche Projekte, die immer Literaturrecherche, Recherche der Kunstszene vor Ort sowie Identifikation und Kontakt maßgeblicher Personen wie Informanten, Offiziellen etc. beinhaltet. Es entwickelte sich eine angeregte Diskussion darüber, was heute starke Bilder ausmache und wie diese eine Verbindung zu den Bürger*innen ermöglichen können.

In einer weiteren Session am Vormittag sprach Dr. Anthony Schrag, Dozent für Kulturmanagement und Kulturpolitik sowie Leiter diverser Kunst-Festivals und Co-Programmleiter an der Queen Margareth Universität Edinburgh, England. Schrag stieß eine Diskussion über den Platz und Wert von Kunst im sozialen Kontext an. Seine Überzeugung ist, dass „der öffentliche Raum das Schlachtfeld bietet, auf dem verschiedene hegemoniale Artikulationen aufeinandertreffen.“ Laut Schrag sei die Öffentlichkeit konflikt- und differenzorientiert. Daher kommt er zur Aussage: „Wenn wir Kunst nutzen, um die Dinge zu verändern, kann es auch sein, dass es schlimmer wird – aber auch das ist Veränderung.“ Es folgte eine Diskussion darüber, inwieweit Kunst eine Aufgabe für die Gesellschaft zukomme. Dazu Schrag: „Ein Künstler ist kein Sozialarbeiter, aber er kann provozieren und eine Diskussion anstoßen.“

Die Sessions am Nachmittag waren inhaltlich den Teilnehmer*innen überlassen. Dazu wurden Vorschläge zu Themen gesammelt, die sich wie folgt lasen: „Citylab, small, medium or big?“, „ELIZA – a digital place for female artists“, „How can we envolve citizens and the local government?“ sowie weitere Themen. Dazu muss bemerkt werden, dass alle Sessions und Vorträge aufgrund der Internationalität der Teilnehmer*innen in englischer Sprache abgehalten wurden. So auch ein abschließender Vortrag von Frank Tentler zum Thema „Responsible Smart City Design“, bei dem Tentler herausstellte, dass die großen Internetkonzerne wie Google, Amazon, Uber etc. keine Stadt seien, die Bürger*innen aber in einer Stadt leben. Daher sei es von großer Wichtigkeit, die Bürger*innen dazu zu bringen, ihre Stadt aktiv zu gestalten und „ihre Stadt zu lieben“.

Frau Prof. Dr. Eva-Maria Beck-Meuth, Präsidentin der TH Aschaffenburg, ließ in ihren Anmerkungen deutlich werden, dass es eine wichtige Aufgabe sei, persönliche, individuelle Inhalte – wie auch immer diese aussehen mögen – sorgfältig zu behandeln, so diese in der digitalen Welt stattfinden.

Judith Gerlach schließlich, Staatsministerin für Digitales und Schirmherrin der UnConference, erklärte in ihrer Rede: „Aschaffenburg wächst und wächst – wie die meisten bayerischen Städte. Diesen Wandel sehen wir als Chance, innovative Stadtentwicklung zu gestalten. Und das auch und gerade mit digitalen Lösungen, wie sie hier im Barcamp entwickelt wurden. Das entspricht ganz meinem Motto: Die Digitalisierung soll für die Menschen da sein und ihnen helfen. So gestalten wir lebenswerte und – im wahrsten Sinne des Wortes – smarte Städte.“

Zum Hintergrund:

Das Projekt „DIALOG CITY“ wird vom Creative Europe Programm kofinanziert und wird von Mitte 2022 bis Ende 2025 umgesetzt. Das Projekt wurde initiiert und wird koordiniert vom Stadtarchiv Aschaffenburg. Projektpartner sind Culturepolis in Griechenland, die Stadtmuseum Graz GmbH, aus Italien die Fondazione Cirko Vertigo, das Centro Formazione Professionale Cebane Monregalese und das Consorzio Interaziendale Canavesano per la Formazione Professionale CIAC, sowie Quatorze aus Frankreich. Das Förderbudget umfasst ca. eine Million Euro.

Das europäische Projekt „DIALOG CITY“ ist aus der Überzeugung heraus entstanden, dass pure technische Innovation viel zu kurz greift. Es bedarf einer neuen Denkweise, um die digitale Transformation begreifbar und anwendbar zu machen. Ziel von „DIALOG CITY“ ist es deshalb, sozialintegrative, umweltfreundliche und wirtschaftlich nachhaltige Strukturen mit urbaner Digitalisierung zu verbinden.

Mitmachen steht daher im Mittelpunkt. Mit der Entwicklung neuer Ansätze wird digitale Innovation an die unmittelbare Beteiligung der Bürger*innen geknüpft. Die Erstellung eines digitalen Bürgerarchivs ist dabei ein wesentliches Element des europäischen Projektes. Drei Hybrid-Festivals dienen als physisch-digitale Kulturveranstaltungen, um ein vielfältiges Publikum in fünf europäischen Ländern zu erreichen. Ein Art for Public-Residenzprogramm lädt Künstler*innen ein, auf der Grundlage eines partizipativen Ansatzes Ideen für urbane Interventionen zu produzieren. Und die Entwicklung eines Future Literacy Programms bietet die Möglichkeit, Zukunft neu zu denken und sie heute, hier und jetzt mitzugestalten.

 

Fotos: Till Benzin

 

Der Film zum 23.9. ist online:

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Neu: Interview mit Bürgermeister Eric Leiderer im „Tagesspiegel“ (Background Smart City und Verwaltung), Direktlink