Rückblick: „die Gebradene Daube flichen ein nicht ins Mauhl“ (29.6.2018, Kulturnacht)

Ein besonderes „Schauspiel“ war am letzten Freitag (29. Juni) im Schönborner Hof im Anschluss an die Eröffnung unserer neuen Ausstellung zu sehen:

die Gebradene Daube flichen ein nicht ins Mauhl. Stimmen der Amerika-Auswanderer (Link zur Ankündigung)

Die inszenierten Lesungen in historischen Kostümen (Iris von Stephanitz und Angela Pfenninger) und mit „historischem Equipment“ aller Art versehen, wurden ergänzt durch die von Alfred Baumgartner vorgetragenen alten und neuen Lieder der Auswanderer. Wir präsentieren an dieser Stelle das Skript mit der Abfolge der Texte, Lieder und Szenen (Skript: Iris von Stephanitz) sowie ausgewählte Fotos und last but not least: die Mindmap der Künstler*innen zur Vorbereitung des Auftritts bei uns in der Kulturnacht!

 

  1. Beginn
Alfred Baumgartner „Unser Fürsten hatten viel versprochen“ (1:52 Min.)

Die zwei Damen (Angela Pfenninger und Iris v. Stephanitz) verteilen währenddessen die Auswanderungsflyer mit dem Liedtext „Raus, raus, raus“.

 

  1. Mit dem Publikum singen alle:
Alfred Baumgartner „Raus, Raus, Raus“ (3:30 Min.)

 

  1. Angela bringt sich derweil in Position auf der Bühne als Karoline Kessler (1909), Fahnenflucht des Nikolaus Kessler, Gnadengesuch an den Prinzen und Regenten von Bayern (Brief 1)
Karoline Kessler (A) Fellen/ Bezirksamt Gemünden/Main 10. Januar 1909

Allerdurchlauchtigster Prinz und Regent!

Allergnädigster Regent und Herr!

Im festen Vertrauen auf die unermeßliche Güte und Gnade eurer Königlichen Hoheit wagt sich unterständig Unterzeichnete mit einer großen Bitte an den königlichen Thron. Mein Sohn Nikolaus Kessler geboren am 6. Februar 1865 zu Fellen, meldete sich im Jahre 1885 bei seinem Aufenthalt in Nürnberg zum Militär und wurde zum 15. Infanterie Regiment in Neuburg ausgehoben. Jugendlicher Übermut und Leichtsinn sowie insbesondere unbegründete Furcht vor dem Soldatenleben veranlaßten ihn vor seiner Einstellung am 9. September 1885 nach Amerika auszuwandern und sich dadurch seiner gesetzlichen Dienstpflicht zu entziehen. Hirdurch hat er sich einer strafbaren Handlung schuldig gemacht, für die er militärgerichtlich verurteilt wurde, sodaß er bei seiner Rückkehr nach Deutschland sofort zur Verbüßung der Strafe eingezogen werden müßte. Inzwischen ist nun fast ¼ Jahrhundert vergangen. Mein Sohn hat sich in seinem Handwerk als Stukkateur in der neuen Welt New York eine angesehene Stellung errungen und ist schon seit Jaren im besitz der amerikanischen Staatsbürgerschaft. (…) Schon lange quält ihn die Sehnsucht nach der alten Heimat und nach mir, seiner alten Mutter, die er ohne auf lange Zeit ins Gefängnis zu wandern nicht mehr sehen soll. Auch ich bin inzwischen 74 Jahre alt geworden und stehe am Rande des Grabes. Es würde für mich das größte Glück auf Erden bedeuten, wenn ich noch einmal meinen Sohn sehen könnte, die weite Reise zu ihm kann ich wegen meines Alters nicht mehr unternehmen. Deshalb wende ich mich vertrauensvollst an Eure königliche Hoheit, als meinen allergnädigsten Landesherrn, mit der unterthänigsten Bitte meinen Sohn in Anlehnung der dargelegten Verhältnisse die große Gnade allerhuldvollst zu erweisen, daß er frei ins Elternhaus zurückkehren kann. (…)

In allertiefster Ehrfurcht verharrt

Eure königliche Hoheit

Alleruntertänigste, treugehorsamste

Karoline Kessler

 

  1. Alfred Baumgartner spielt wieder auf
Alfred Baumgartner „Holder Jüngling“ (2:50 Min.)

 

  1. Angela Pfenninger und Iris v. Stephanitz pflücken sich Briefe von der Wäscheleine. Beide lesen im Wechsel Briefe von Ernst Eck an seine Schwester Emilie Eck und seinen Bruder Hermann Eck (1926). Danach den Reisebericht von Hermann Eck (1928). (Brief 2):
Emilie Eck, Lehrerin in Wallbach (I) Hamburg, 27.IV 26

Liebe Emilie!

Dies ist der Dampfer mit dem ich die große Reise antreten werde. Morgen mittag geht’s los. Es war schade, daß wir uns nicht noch einmal sehen konnten. Nun wird’s einige Zeit dauern, bis ich wieder von mir hören lassen kann. Zum Schluß wünsche ich Dir noch alles Gute für die Zukunft und sende Dir Herzliche Grüße Dein Bruder Ernst.

 

Mutter der Eck’schen Brüder (A) Lincolnstreet 19, Jersey City, Dezember 10, 1926

Lieber Hermann!

Gestern habe ich Deinen Brief erhalten, wofür ich Dir vielmals danke. Edwin und Emili werden inzwischen auch ihre Briefe erhalten haben. Wie Du aus meiner Adresse ersehen kannst bin ich wieder mal umgezogen (…). Ich bewohne jetzt mit Gabriel und Karl Zöller aus Mechenhard (…) eine 2 Zimmerwohnung. Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche haben wir von Herrn Fleckenstein für zusammen 10 $ pro Monat gemietet. Das macht pro Mann um 75 Ct. in der Woche und können wir dabei viel Geld sparen. (…). (Ich kann als Bäcker) Brot, Kuchen und Brötchen, und Gabriel und Zöller (als Metzger) Wurst und Fleisch kostenlos nach Hause bekommen. Mein Bos-Mister Feist-fragt jedesmal, ob ich mir auch genügen mitgenommen hätte. (…)

Emilie Eck über die Schulter auf den Brief linsend und laut lesend Schaut Mutter, er schreibt: Gabriels Bruder Willi wird jetzt auch Dampf hinter seine Amerika-Reise machen. (Hermann) schreibe mir wann Du geboren bist und ich will sehen, daß ich ein Affidavit für Dich bekomme. Vorderhand meldest Du Dich mal beim Konsulat in Stuttgart zur Auswanderung an. Du braucht dafür noch kein Affidavit. Am besten schreibst Du an das amerikanische Konsulat Stuttgart: Ich beabsichtige nach den Vereinigten Staaten von Amerika auszuwandern und bitte sie höflichst, mich vorzumerken. Gleichzeitig bitte ich um gefällige Mitteilung, wann ich ungefähr mit der Auswanderung rechnen kann. Ich bin Mechaniker. Hochachtend! H. Eck
Mutter Eck Ernst sagt hier aber weiter: Aber bedenke immer Herrmann, daß es hier heißt: arbeiten, Dollars verdienen und alle Possen wie Wirtschaft gehen etc. sehr sehr eingeschränkt werden müßen. Auch mußt Du im Anfang mit jeder Arbeit vorlieb nehmen, wenn wir gerade nichts Passendes finden. Aber ich denke, daß wir in einer Radiofabrik immer Gelegenheit finden werden, denn die nehmen dauernd Leute. (…) Wenn Du dann mal Englisch kannst, dann ist Dir geholfen. (…)
Emilie Eck Dir Herrmann kann es von Vorteil sein, wenn Du Vater etwas in der Bäckerei hilfst. Immer fest reingreifen in den Teig und nicht scheniert. (…) Hier in Amerika wirst Du es sicher als Notbehelf brauchen können denn Bäcker finden immer Arbeit. (…)

Herzliche Grüße Dein Bruder Ernst

N.B. Viele Grüße an das ganze Haus und laßt bald wieder was von Euch hören.

Mutter Eck zückt einen weiteren Brief. Emilie hört gespannt zu.

Mutter Eck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alfred Baumgartner kann hier ein paar sanfte  Musikklänge erzeugen!

(Ja, und nun ist unser Hermännschen auch fort. Schau, hier ist sein Brief. Ich les ihn Dir einmal vor:)

 

An Bord des Dampfers Albert Ballin, den 10.4.28

Liebe Eltern!

Nun will ich Euch den Hergang meiner Fahrt bis zum heutigen Tage schildern. (Von Frankfurt ging es mit dem Zug) fröhlich nach Hamburg.

Wir kamen um 6 ½ Uhr hier an und wurden gleich von der Hapag in Empfang genommen. Nun ging es ins Überseeheim. (…) Es wurden dann unsere Papiere in Ordnung gemacht und ging dann gleich zur Haaruntersuchung.

(…) Nach dem Mittagessen gingen wir ein bischen in die Stadt. Am nächsten Morgen gingen wir gleich nach dem Kaffee in die Stadt und sahen die großen Geschäftshäuser an. (…)

Am nächsten Morgen ging es nun nach Cuxhafen. Es sind bis dahin noch zwei Stunden mit dem Schnellzug zu fahren. Dort angekommen ging es gleich an Bord des Dampfers (…). Als die Passagiere und das Gepäck an Bord war ging es unter den Glängen der Musik ab. Das gab es nun noch viele Tränen von den Scheidenden, bei uns allerdings nicht, wir waren immer sehr vergnügt. Nun ging es bei schönem Wetter und ruhiger See nach Bologne. Hier hatten wir ein bischen Aufendhalt und gleich gings weiter nach England. Auch hier hatten wir Aufendhalt bis die Passagiere von England kamen. Der Dampfer fährt hier nicht in den Hafen, auch in Frankreich nicht, sondern bleibt auf offener See halten, und die Passagiere werden mittels kleinerer Schiffe an Bord gebracht. Von jetzt ab ging es fort ohne Unterbrechung.

(An Bord) aßen wir meistens Eier, viel Fleisch, wenig Kartoffeln und viel Obst. Am dritten Tag war der Speisesaal halber leer, denn die meisten waren Seekrank. Nur einmal blieben Willi und ich vom Mittagessen weg. Abends war Kino und drei Mal Tanz mit Kostümen. (…)

So ging es nun weiter bis vor New York. Hier wurde angehalten und mit einem Dampfer kamen der Arzt und noch einige Beamte an Bord. Wir wurden nochmals oberflächlich untersucht und dann ging es weiter den Hudson entlang bis zur Landungsbrücke. Hier stand eine große Menge Leute, sie alle auf ihre Angehörigen wartete. Als ich vom Schiff herunter gegangen war, kam mir Ernst entgegen. Es wurde dann mein Koffer kontrollirt und nach dem dieses beendet war, ging ich mit Ernst in seine Wohnung. Wir tranken zusammen Kaffee und Ernst ging dann gleich wieder ins Geschäft.

Bis jetzt fühl ich mich noch sehr wohl und hoffe ich alles Gute auf Wiedersehen euer Hermann

  1. Angela Pfenninger geht ab zum Umziehen.

 

Iris v. Stephanitz pflückt sich den Brief von 1852 von der Leine, läuft aufgeregt herum, bis sie sich beruhigt und zu lesen beginnt (Brief 3):

 

Müllerin New Orleans den 12. May 1852

 

Werteste Freunde

Als ich von Euch abschied nahm, da schluchtste mein Herz vor trähnen, (…) dan thröste ich mich mit dem Lieben Gott die Reiße nach Amerika hab ich jetzt gemacht, und sie ist nicht gefährlich aber doch beschwerlich, auf der Nordsee war ich 5 Tage, und auf dem großen Meer 56 Tage der Sturm war nicht viel nur eine Nacht, viele Tage hatten wir keinen wind da war das mer wie ein Spiegel, als wir aber nach dem Misisipi kamen da kam ein Dampfschif und hollte uns ab und vürte uns bis nach Orlen hinein auf den Sontag nach Ostern kammen wir an abens um 5 Uhr, am Montag da ging ich auf den Saktmeresmarkt und fragte nach der auskunft nach dem Schnabel aber dieser wohnte schon lang auch nicht mer da, aber welche freude erlebte ich als ich da fragte ich schaute zu der Thür hinaus wen sah ich im Blik vorbeyjagen, den Johann ich sprang hinaus und rufte ihm zu und er haltet ich sprang hin und sprag grüß dich Gott Landsman und ich sagte ich sei eine Aschaffenburger und aus Waldaschaff und sagte meinen Nahmen da war die freute noch größer (…).

Lieber Müller und Müllerin den beigelegten Briff gäbt meine Eltern und verdenkt es mir nicht den ich denke sie werden kein gelt nicht haben und wen ich gesund bleibe dan werde ich diese auslage ersetzen wen ich nach Deutschland wieder komme mein Lohn ist jeden Monath 12 Dulahr welches nach deutschem geld 30 Gulden sind ich kann für jetz nicht viel von Amerika schreiben den ich kenne es noch nicht spätter hinn werde ich.(…)

Ich  grüße Euch alle thausend und thausen mahl und wünsche das mein Schreiben Euch alle bei guter gesundheit antreffen werde

auch grüst mir den Alten Sauer, und den Zopmacher und alle die nach mir frage.

Ich verbleibe Euer threu ergebenster

Kammerath Heinrich Schmitt

 

 

  1. Alfred Baumgartner spielt auf, Iris v. Stephanitz ab zum Umziehen
Alfred Baumgartner „Cimbria“ (4:38 Min.)
  1. Alfred Baumgartner fährt fort
Alfred Baumgartner „Der Tod mit harter Sichel“ (1:49 Min.)

 

 

  1. Angela Pfenninger kehrt zurück im Biedermeierkostüm und liest den Brief von Joseph Reisert an seine Eltern und Geschwister (Brief 4):
Familienmitglied Reisert Baldiemor, Dezember den 29.1854

 

Liebe Eldern und geschwister, ich lase euch viel tausentmal grisen denn Vetter Nikolaus um sein ganze Vahrmieligen. Liebe Eldern, geschwister ihr wohlet wiesen wie es mir auf dieser reise gegangen hatt, es war gott sei dang sehr gut wir hatten wenig Sturm Wir hatten zu essen genug wihr hatten die Woche viefmahl fleisch wir waren sieben Wochen auf dem See da nun das angam. Da gam der Kristel Hannes und hohlte mich von dem Schife ab und brachte zu dem Adam Pertner auf den markt, und da waar ich kaum zwei Stunten da kam Stefan Reiset mit einer Last Epfel gefaren erkande mich nicht und ich ihn auch nicht setze ich mich auf seinen Wagen und da kam ich denselben Tag noch ins land da traf ich meinen lieben better und Getge und alle seine Kinder gott sei dang Recht gesund an. (…)

Nun liebe eldern Neuichkeiten weiß ich noch vor jetzt wenich zu schreiben um mit diesen Worten weil ich mein Schreiben schlisen und lase Euch alle hundert und tausend mahl grißen Grised mir alle gute Freunde gamerathe.

Joseph Eisel

 

 

  1. Alfred Baumgartner
Alfred Baumgartner „Ein stolzes Schiff“ (2:13 Min.)

 

  1. Angela Pfenninger und/ oder Iris v. Stephanitz singen unter Begleitung von Alfred Baumgartner:
Alfred Baumgartner „Jetzt ist die Zeit“ (2:28 Min.)
  1. Alfred fährt fort
Alfred Baumgartner „Yankee doodle / Meien Tabak bau ich mir“ 3:41 Min.

 

 

  1. Angela Pfenninger und Iris v. Stephanitz „Collage der Landwirtschaft“ (Briefe Nr. 5)
A (Jos. Reisert,

14.2. 1854)

(Daß wir uns ein Bauernguth pachten, wo wir nach deutschem Gelde 200 hundert Gulden deß Jahrs bezahlen.
I (ebd.) Da haben wir uns zwei Pferde gekauft, 2 Wächen, wir haben jetzt 3 Stük Rindfie, 25 Schweine und sehr viel Federvie.
A (ebd.) Wir pflanzen Kraut, Kardofeln, Erbsen, Bohnen und mehr Abrikohßen haben wir auch viele, wir komen jede Woche 3 oder 4 mahl nach Baltimore auf den Markt.
I (ebd.) Kein wieldes Land ist es nicht, wie man in Deutschland glauben thut, die gebradene Daube flichen ein nicht ins Mauhl, aber durch Fleiß und Arbeit kann man ein gutes sehr gutes Leben machen, (…)

 

A (Georg Reichert, 28. 12.1866, Dobbs Ferry)

 

(…)Die klimatischen Verhältnisse sind hier anders als in Deutschland. Der Frühling beginnt hier etwas später, oder vielmehr ist hier sehr wenig Frühling, da der Übergang vom Winter zum Sommer und umgekehrt sehr rasch ist. Die Monate Juli, August und halbe September sind die wärmsten, und hatten wir letzten Sommer eine wahrhaft afrikanische Hitze. Die Herbstmonate sind die schönsten, und dauert das schönste Wetter gewöhnlich bis nächst Weihnachten.
I (ebd.) (…)Äpfel und Birnen in ebensoschönen Sorten, wie in Deutschland: auch eine Menge wild wachsender Äpfel und Birnbäume. (…) Zwetschgen gibt es hier nicht. (…) Im Gegensatz zur Zwetschge gedeiht hier der Pfirsich.
A (Georg F. Hartmann, Sept. 3/1924) (…)Unsere Ernte in Texas war ziemlich gut bloß kartofeln gibts da niemals keine den es ist zu heis da. Die miesen sie einschicken lassen so auch Äpfel. Die ziehen Weizen Hafer Korn und Baumwolle und Oransche Bananas und Pfirsching.
I (Georg F. Hartmann, ca. 1926) (…) Die Bäume sind alle grien und in voller blüte es macht einem wirklich lust darusen herumzugehen wie haben schon 100 jungen Hüner und bekommen von 6-7 Duzent Eier den tag. (…) wier haben auch 7 junge Gänze 2 Wochen alt.
A (Johann Zeller, St. Wedel, 15. Juli 1874) (…)Die Ernte ist dieses Jahr gut ausgefallen, ich denke ungefähr 1200 Mais, 600 Büschel Weitzen und Gerste zu bekommen. (…) Es war diesen Sommer so heiß und trocken, daß alles verdoren war (…) Die Kartofeln sind schlecht, das Buschel kostet 2 Thaler. Äpfel gibt’s wenig (…)
I (Wilhelm Krautt, Halkirk, 31. März 1969) Hier liegt der Schnee noch (im März) wie im Januar, die Nächte sind in der Regel noch sehr kalt. Eine meiner jungen Kühe brach das untere Hinterbein während des kältesten und unwegsamsten Wetters im Januar. Ich gab ihr einen geschützten Platz wo sie niemand belästigen konnte und auch genug Futter hatte. Seit einiger Zeit ist sie wieder auf allen Vieren. So hilft sich die Natur von selbst.

 

  1. Angela Pfenninger zitiert Sequenzen der Briefe von Tante Cäcilia aus New York an ihre Schwester Krezensia Busch, ca. 1915: „Der Mann braucht’s nicht zu wissen“ (Brief 6):
Tante Cäcilia (ca. 1915) Liebe Schwester ich schicke dir eine Kleinigkeit von 20 Taler gebe es aber nicht hinweg und schreibe mir „erhalten“ Mein Mann braucht es nicht zu wissen, denn da heisst es gleich, die schickt mein Geld nach Deutschland, denn sonst gibt er mir nicht mehr so viel.

(…)

Liebe Schwester, es ist lange her, dass ich dir nicht geschrieben habe aber leider ist man alt und fühlt nicht gut. (…) ich schicke dir eine Kleinigkeit von 20 Taler tu dir etwas kaufen und gebe es nicht her. Ich habe sehr gute Kinder,  alles was ich will, kann ich haben, aber es ist besser man braucht es nicht.

Schreibe mir gleich ob du es erhalten hast, schreibe nur „erhalten“ dann weiss ich schon. Denn es braucht Niemand zu wissen. Die wissen nicht wie es arme Leute geht.

(…)

Liebe Schwester, du musst entschuldigen, dass ich so lange nicht geschrieben habe. Leider ist man alt und schreibt nicht mehr gerne. (…) liebe Schwester ich schicke dir eine Kleinigkeit aber gebe es nicht her behalte es für dich. Wenn du schreibst sage „erhalten“ mein Mann braucht es nicht zu wissen. (…)

 

Liebe Schwester,

du musst entschuldigen, dass ich dir schon  lange nicht geschrieben habe. Erstens habe ich nicht wohl gefühlt und bin ich alt und das Schreiben ist mir schwer, ich schreibe nirgends, bin für mich alleine.

(…) ich schicke dir in diesen Brief 10 Taler. (…) du wirst eine Box bekommen es sind etwas Kleider drin. Schreibe mir gleich wenn du es erhälst damit ich es weiß.

 

Liebe Schwester, ich habe dir vor 2 Monaten eine Kiste mit Sachen geschickt und einen Brief mit einigen Taler habe aber noch keine Antwort erhalten, ob du es bekommen hast… (…)

 

Liebe Schwester, deinen Brief erhalten und schreibe dir gleich. (…) ich habe in dem letzten Brief was geschickt hat ihr es erhalten, bitte schreibt es mir. Wenn ihr etwas nötig braucht, ich schicke es immer, schreibt mir. (…) die Zeiten sind sehr schlecht und die Leute auch. (…) es grüßt und küsst euch alle eure Tante Cäcila (entschuldigt mein Schreiben, meine Hände werden steif). Gut Bei!

Gudbei!

 

 

  1. Iris v. Stephanitz liest in 20 er Jahre Kleid aus Thekla Hocks Brief an ihre Nichte mit Familie, Brooklyn den 15.03.1921.(Brief 7):
Nichte Helene Brooklyn den 15.3.1921,

Liebe Nichte und Kinder.

(…) Ich habe um 14. März zwei pakete geschickt wenn du sie bekomt schreibe mir gleich antwort. 1 paket mit Zucker Kaffee Reis Gries Gerste Mehl Schokolate. Das 2 mit kleider und was Du haben wolst. (…) Die Wolle hat meine Tochter Anna für Dich gegeben Sie hat Wollen und alle feine Hand Arbeit Geschäft geht sehr gut. (…)

Von heute sein herzlichst gegrüßt von Eurer Tante Thekla Hock

 

  1. Alfred Baumgartner tritt auf:
Alfred Baumgartner „Banks of Marble“ (3:14 Min.)

 

Währenddessen verteilen die Damen „Liebesgaben“ (Päckchen mit Kaffee, Seife, Kleidung, etc. ) Angela geht ab und zieht sich um.

 

  1. Iris v. Stephanitz liest Georg Reicherts Brief an seinen Freund Kaspar Winterhelt in Miltenberg, 1866 und 1867 (Brief 8):
Kaspars Schwester Lisette Dobs-Ferry

(…) Eure Briefe (…) haben wir in der Mitte September erhalten , und uns außerordentlich gefreut, Neuigkeiten aus der Heimath zu hören. (…)

Nach der Heimat sehnt sich jeder, aber jeder Deutschamerikaner, der diesem Zuge folgt, und die alte Heimath besucht, pflegt sich ebensoschnell wieder nach amerikanischer Freiheit zu sehnen und zurückzukehren. Dies ist etwas, was nur derjenige versteht und zu würdigen weiß, der überhaupt weiß was Freiheit ist; (…) Glücklicherweise haben wir hier keine „von Gott eingesetzte Obrigkeit“, auch keine „Unterthanen“ sondern freie Männer (…)

 

Ich hoffe, daß ihr alle recht gesund seid, und grüßen wir dich und die Deinigen alle recht herzlich. Grüße alle meine Freunde und Nachbarn herzlich von uns und sei selbst noch tausendmal gegrüßt von Deinem Freunde Georg Reichert.

 

  1. Alfred Baumgartner
Alfred Baumgartner „Aus der Heimat bin I gangen“ (1:40)

 

  1. Angela Pfenninger liest aus Adam Fäths Brief vom 16. November 1846 (Brief 8):
Schwägerin Sincinnati den 16. November 1846

Liebe Brüder und Schegerin (…)

Ich und meine Frau sind Gott sey dank noch recht gesund. (…) Aber der Abschied fiehl mir schwehr es lag mir schwehr auf meinem Herzen (…) weil ich auch mein Bruder Nikolaus kein Abschied nehmen konnte mein Sinn war nach Deutschland.

Zu kommen Liebe Brüder und Schwegerin ich kann diese reise nun nicht andreden weil ich geheurathet habe so will euch nachricht geben wie es mit mir steht. (…)

Ich verdiene hier in einem Tag mehr als in Deutschland die ganze woche (…)

(…) wir hatten eine schöne und lustige Hochzeit gehalten und auch eine schöne dansmusik gehalten wir sind jetzt 3 Mohnheit verheurath mein Frau ist gebürdig aus dem Herzogthum Oldenburch 12 Stunden von Brehmen gebohren. (…) wir leben sehr Zufrieden miteinander in Amerika als wir es in Deutschland nicht gehabet häten den von diesen vielen Abgaben in Amerika wissen wir nichts von so wie ihr. (…)

An lebensmitteln fehlt uns nichts in Amerika den das Fleisch ist sehr wohlfeil den das fund kostet nach duschen Gelde 4 Kreuzer und wir essen wohlfeiler brod als in Deutschland und so weis wie die kerbekuchen in deutschland (…)

Mein Schreiben will ich beschliesen und euch lieben Brüder und Schwägerin vieltausend Grüßen (…)

Adam Fäth

 

 

 

  1. Iris v. Stephanitz an Tisch evtl. schreibend, geb. Zeller Brief vom 5.1.1893
Katharina Fuchs Evansville Ind., Januar 5, 1893

 

Lieber Unkel, liebe Tante

 

Ich kann Euch gar nicht sagen wie es mich so sehr gefreut hat, Antwort zu erhalten (…) Es tut mir sehr leid, lieber Onkel, daß ihr nicht wußtet, daß unser lieber Vater gestorben ist es wird am 28. Februar 12 Jahre, daß er starb. Aber kein tag vergeht wo ich nicht an meine Lieben verstorbenen Eltern und Geschwister denke.

(…) Johann Böller, (…) hat die elteste Schwester geheiratet. Die Susanne hat einen Sohn, er ist auch gestorben er wurde 12 Jahre (…).

Die zweit älteste Schwester, die Gertrud, ist auch Witwe seit mehr als zwei Jahren. (…)Die 3. Älteste ist die Elisabetha heißt nun Kraft, (…) hat 6 Kinder.

Die 4., die Margaretha war verheiratet starb (vor) 12 jahren. (…) Ihre kleine Tochter starb ein paar Tage nach ihr.

Der 5. , Bruder Peter, der wohnt auf dem Heimplatze, ist verheiratet hat vier Kinder.

Die 6. Ist Kunigunda, wurde vor 12 Jahren begraben, sie starb als Jungfrau. Wir hatten eine sehr traurige Zeit., 3 in 3 Monaten.

Die 7. Schwester Franziska, (…ist verheiratet und hat 1 Kind).

Und die 8. Bin ich.

Der 9te und Jüngste ist der Bruder Johannes P. Zeller . ist noch ledig und arbeitet auf dem Lande. (…)

 

Ich möchte Deutschland gern sehen aber ich habe bang für den großen See. Das Bild schicke ich Euch. Mein Mann Johann Fuchs und Katharina Fuchs. Ich hoffe es wird Euch ein wenig Freude machen so sehen wir gerade aus. Einen schönen Gruß an Euch alle von uns allen und baldige Antwort

Katharina Fuchs, geb. Zeller

 

 

  1. Angela Pfenninger auf Stuhl sitzend, liest einen Brief (Stumme Leserschaft), Iris v. Stephanitz aus dem Off über Headset.
Wilhelm Krautt an seine Mutter 1945 Liebe Mutter!

Heute am Sonntag den 11. Mai will ich alle Arbeit beiseite legen und geistig Einkehr bei euch halten. Was ich euch schreibe, können nur unvollkommene Andeutungen  sein; zuviel hat sich ereignet seitdem der Krieg die Verbindungen zwischen uns abgebrochen hat. (…) vielleicht fragt ihr euch: ist dein Herz für das deutsche Land vollständig abgestorben? Wie ich darüber fühle, illustriert am besten das folgende kleine Beispiel. Während ich diese Zeilen schreibe höre ich den süßen zwitschernden Gesang in mein Haus dringen. Draußen ist kein hübscher Tag heute. Ein kalter ständiger Nordwestwind bläst in rücksichtslosen Stößen, die Sonne scheint nur schwächlich, aber der kleine mutige Singer singt dennoch aus voller Kehle. Sein Gesang erinnert mich an den deutschen Buchfink und wie süß er singen kann in den duftenden Büschen im Frühling. Ich denke an das Schönthal, Schlossgarten, an Fasanerei und Schönbusch, an die lieblichen Hügel, Dörfer und Felder, denen ich so manchen Besuch in vergangenen Jahren abgestattet hatte und die wohl jetzt in ihrer vollen Pracht wieder erstanden sind und dazu beitragen werden die Kriegswunden zu heilen. (…) Die Bombardierung Aschaffenburgs hörte ich am Ostermontag über das Radio angekündigt um 11 Uhr nachts. Den folgenden Tag ging ich sofort nach Stettler, einem etwas größerem Dörfchen ca. 24 Meilen von hier und durchsuchte die Zeitungen von Edmonton und Calgary für Einzelheiten (…). Von kleinen Unfällen abgesehen erfreute ich mich der besten Gesundheit und voller Arbeitskraft und hoffe ich das auch von euch.

 

Mit herrlichen Grüßen für euch alle,

Wilhelm

 

  1. Alfred Baumgartner setzt danach ein:
Alfred Baumgartner „ Ja wenn mei Aldi“ (1:21 Min.)

 

  1. Alfred Baumgartner singt und Angela Pfenninger und Iris v. Stephanitz packen die Kleidung auf der Wäscheleine in ihre Koffer:
Alfred Baumgartner „Welcome Emigrante“ (1:35 Min.)

 

Mindmap (Iris von Stephanitz)

 

 

 

 

 

 

 

2018-08-07T16:03:29+00:00
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