Christoph Bongert (DAH Bremerhaven): Ausstellungseröffnung 29. Juni 2018

Wir dokumentieren im folgenden Beitrag die Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Von der Lutherbibel zur Gaunergeschichte. Bücher für deutsche Einwanderer in Amerika 1728 bis 1946“, gehalten von Christoph Bongert, Kurator der Ausstellung und wiss. Mitarbeiter im Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven (Projektentwicklung Wissenschaft), im Rahmen der Kulturnacht am 29.6.2018. Der Dank geht an Herrn Bongert für die freundliche Überlassung seines Vortrags!

Lieber Herr Dr. Kemper,

Sehr geehrte Damen und Herren,

herzlichen Dank für die freundliche Begrüßung, die Einladung und dafür, die Ausstellung des Deutschen Auswandererhauses Bremerhaven in Aschaffenburg zu zeigen. Von Bremerhaven nach Aschaffenburg, vom Elbe-Weser-Dreieck nach Unterfranken, aus dem niederdeutschen ins rheinfränkische Sprachgebiet – jetzt ist sie wahrlich zu einer Migrationsausstellung geworden!

„Migrationsausstellung“ – das klingt nicht gut. Es klingt nach etwas, das mit Problemen verbunden ist. Eine „Migrationsausstellung“ würde eine Pressestelle nicht bewerben wollen. Wie anders klingt: „Auswanderungs-Ausstellung“! Auch die Lieder, die wir heute Abend hier hören, werden ja nicht als „Migrantenlieder“ angekündigt. Aber, Hand aufs Herz, welche der heute in Deutschland gesungenen Lieder in türkischer, arabischer oder russischer Sprache würden Sie als „Auswandererlieder“ bezeichnen – vorausgesetzt, diese Lieder handeln vom gegenwärtigen Leben in der Fremde oder vom vergangenen Leben in der sogenannten „Heimat“? Wer nicht gleich von „Migran­tenmusik“ oder Ähnlichem spricht, würde vielleicht eher noch „Einwandererlieder“ sagen. Klar, es ist ja die „deutsche“ Perspektive: Von „Deutschland“ aus gesehen sind das eine „Aus-“ und das andere „Einwanderer“. Aber – wie sieht das aus der Perspektive der Wanderer selbst aus?

Der sprachlich angezeigte Gegensatz zwischen „Aus-“ und „Einwanderung“ verdeckt manchmal und manchem die Binsenweisheit, dass jeder Auswanderer auch ein Ein­wanderer sein muss – und jeder Einwanderer ein Auswanderer ist. Mit der Erfahrung eines Mitarbeiters des einzigen Migrationsmuseums in Deutschland gesprochen, das zugleich die Auswanderung aus als auch die Einwanderung nach Deutschland thematisiert: Viele, vielleicht wir alle sind leicht und schnell dabei, die „eigenen“ ausgewanderten Vorfahren für ihren Mut, ihre Willensstärke, ihre Zähigkeit usw. zu bewundern und um ihre Entbehrungen und Enttäuschungen zu bedauern. Bringen wir solches Bewundern und Bedauern aber auch denen entgegen, die hierhin eingewandert sind? Wir bleiben oft einer Perspektive verhaftet, die in den deutschen Auswanderern eben immer nur die Auswanderer sieht. Wir machen dann nicht den Schritt hin zu dem Standpunkt, von dem aus sie als „Einwanderer“ in ein anderes Land in den Blick geraten – zu dem Standpunkt, von dem aus auch die dortigen „Einheimischen“ sichtbar werden, wie sie auf diese Einwanderer blicken… Es ist aber eben dieser Standpunkt, von dem aus wir erst überschauen können, inwiefern die ausgewanderten Vorfahren sich von vielen gegenwärtigen Einwanderern wenig unterscheiden.

Wer auch immer auswandert, wandert mit seiner Sprache ein. (Sei es eine nieder­deutsche, sei es eine rheinfränkische.) Auch in der Fremde wollen, ja können die wenigsten mit diesem Urvertrauten, der eigenen Sprache, allein sein. Die Muttersprache verlangt nach Gesellschaft sozusagen. Das betrifft nicht nur den vertrauten Sprach­klang; den Lesekundigen verlangt es auch nach dem gewohnten Schriftbild. Es kann daher doch eigentlich nicht verwundern, dass mit den Einwanderern öffentliche Räume entstehen, die von einer für die Einheimischen fremden Sprache tönen, ebensowenig wie dass fremdsprachige Bücher oder Zeitungen in einem zum Teil fremden Alphabet gedruckt werden. Der deutschsprachige Buchdruck in Nordamerika ist ein Beispiel dafür. Ein Beispiel unter vielen!

Das erste deutschsprachige Buch in den damaligen britischen Kolonien Nordamerikas wurde 1728 gedruckt. Es handelte sich um das Buch eines ehemaligen Bäckergesellen aus Heidelberg, Konrad Beissel, der 1720 nach Pennsylvania ging und dort in Ephrata seine eigene pietistische Gemeinde mitsamt Kloster gründete. Es war ein Buch für deutsche Einwanderer (sagen wir: mit speziellen religiösen Interessen oder Vorlieben!), aber nicht von ihnen – ein Brite hatte das Geschäft mit den deutschsprachigen Büchern nämlich entdeckt. Erst 10 Jahre nach dem ersten deutschsprachigen Buch erschien eines, das auch von einem „Deutschen“ verlegt worden war. Aus der Druckerei dieses 1724 nach Pennsylvania eingewanderten Christoph Sau(e)r und seiner Familie sollte dann in den gut 50 Jahren zwischen 1738 und 1790 ein Fünftel der gesamten deutschsprachigen Buchproduktion entstammen. Wir sprechen hier für das gesamte 18. Jahrhundert von immerhin 1.200 Titeln. Nachgefragt von einem Publikum, das laut Zensus von 1790 potentiell um die 270.000 deutschsprachige Einwanderer und ihre Nachfahren umfasste.

Mehr als die Hälfte von ihnen lebte zu dieser Zeit in Pennsylvania, das damit zu einem Drittel von deutschen Muttersprachlern bewohnt wurde. Da bekam so mancher Brite „Überfremdungsängste“. Benjamin Franklin etwa, einer der späteren „Gründerväter der USA“, argwöhnte bereits zu Beginn der 1750er Jahre, (ich zitiere):

„Nur wenige ihrer Kinder im Land lernen Englisch; sie bringen viele Bücher aus Deutschland mit; und von den sechs Druckereien in Pennsylvania sind zwei ganz deutsch, zwei halb deutsch, halb englisch, und nur zwei ganz englisch […]. Kurz, wenn nicht der Einwanderungsstrom irgendwie in andere Kolonien umgeleitet werden kann, werden diese Deutschen uns bald an Zahl so übertreffen, dass nichts uns in die Lage versetzen wird, unsere eigene Sprache zu bewahren.“[1]

An anderer Stelle hatte er seinen Punkt noch etwas drastischer formuliert:

„Warum sollte den pfälzischen Bauernlümmeln erlaubt sein, in unsere Siedlungen zu schwärmen und ihre Sprache und Gebräuche dort einzuführen in Abschottung von uns? Warum sollte Pennsylvania, das von Engländern gegründet wurde, zu einer Kolonie von Fremden/Ausländern werden, die bald so zahlreich sind, dass sie uns germanisieren anstatt dass wir sie anglifizieren? Dabei werden sie doch niemals unsere Sprache und Sitten über­nehmen, genauso wenig wie sie vermögen, unsere Hautfarbe anzunehmen.“[2]

Kommen Ihnen solche Äußerungen über Einwanderer bekannt vor? Das jedenfalls meinte ich, als ich davon sprach, dass es darauf ankomme, auch die deutschen Auswanderer als Einwanderer zu sehen… Übrigens war es derselbe Franklin, der sich über die „Palatine Boors“ und deren Festhalten an ihrer Sprache beklagte, der als einer der ersten in das Geschäft mit dem deutschsprachigen Buchdruck eingestiegen war. Franklins Druckerei in Philadelphia verlegte nicht weniger als 34 deutschsprachige Titel – bis in die 1750er Jahre hinein!

Man muss sich im Klaren darüber sein, dass wir uns hier noch lange vor dem Zeitalter der eigentlichen Massenauswanderung aus Deutschland und Europa befinden. Zum Vergleich: In den gut 45 Jahren zwischen 1783 und 1830 wanderten nicht mehr als 40.000 Deutsche in die USA ein. In den 15 Jahren darauf zwischen 1830 und 1845 waren es fast eine Mio.!

Mit dem Zeitalter der Masseneinwanderung aus Deutschland ab etwa 1830 verlagerte sich das Zentrum der Buchproduktion von den ländlichen Druckereien Pennsylvanias nach New York. Nun waren es der Geschmack, die Bildung und der Bedarf der Neuankömmlinge – anstelle der bereits Eingesessenen –, welche die Nachfrage nach deutschsprachigen Büchern bestimmten. Das schlug sich in der inhaltlichen Ausrichtung der Produktion nieder: Hatten die insgesamt rund 3.100 Titel aus der Zeit bis 1830 einen Schwerpunkt auf religiöser Erbauungs- und pragmatischer Ratgeberliteratur aufgewiesen, lag diese seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend auf Werken populär-unterhaltenden Charakters. Ein paar Titel mögen dies veranschaulichen:

  • Etliche zu dieser Zeit nicht unnütze Fragen über einige Schriftstellen, welche von den Liebhabern der lautern Wahrheit deutlich erörtert zu werden gewünscht hat ein Wahrheits-Forscher in America, im jahr 1742 (1742)
  • Ein jeder sein eigner Doctor, oder: Des armen Land Manns Arzt (1749)
  • Der Tod als eine Seligkeit für diejenige, die in dem Herrn sterben (1749)
  • Die Ehe das Zuchthaus fleischlicher Menschen (1728)
  • Der Hochdeutsch Amerikanische Calender auf das Jahr 1739 (1738)
  • Ein jeder Deutsche sein eigner englischer Sprachmeister (1806)
  • Der Charakter und Werth von Washingtons hinterlassenen Schriften (1827)
  • Hochdeutsches Lutherisches ABC und Namen Büchlein (1775)
  • Anfangsgründe der Rechenkunst, zum Gebrauch der Deutschen Schulen in den Vereinigten Staaten von America und besonders in Pennsylvanien (1807)

Dazu kommen die vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beliebten „deutschen Klassiker“, sowohl die sogenannten „echten“, als auch die „unechten“: Goethes Faust und Schillers Glocke; Humboldts Kosmos und Marxens/Engels Kommunistisches Manifest; Victor von Scheffels Trompeter von Säckingen und Wilhelmine von Hillerns Geier-Wally; zahlreiche Werkausgaben, etwa von Heine, Freiligrath, Zschockke; und die Longseller: die Historien bzw. sogenannten „Volksbücher“ vom Schinderhannes und von Till Eulenspiegel.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts konnte man dank der Praxis des Buch-Nachdrucks dann in der „Neuen Welt“ (beinahe) alles lesen, was es in der „Alten Welt“ auch zu lesen gab. „Und das“, wie ein Zeitgenosse erstaunt bemerkte, „nachdem diese Romane nur eben erst in Deutschland die Presse verlassen hatten“! Erst als Mitte der 1890er Jahre die deutsche Zuwanderung stark abnahm, mussten sich Verleger deutschsprachiger Bücher auf ein überwiegendes Lesepublikum einstellen, das selber nicht mehr in Deutschland aufgewachsen war. Nach der Jahrhundertwende sank die Nachfrage so stark, dass sie fast vollständig durch die nunmehr zollfreien Importe aus der „Alten Welt“ gedeckt werden konnte. Der Erste Weltkrieg, insbesondere der Kriegseintritt der USA 1917, macht dem deutschsprachigen Buchdruck dann vollends den Garaus.

Die Wiederbelebung der Produktion für selbst Eingewanderte durch die deutschen Exilverlage während des Nationalsozialismus blieb ein Zwischenspiel. In den Jahren nach Kriegsende 1945 siedelten sich die meisten Exilverlage entweder mit ihren Schriftstellern wieder in Deutschland an oder stellten ihr Programm zunehmend auf englischsprachige Bücher um.

Die Ausstellung zeigt anhand von Reproduktionen und Originalen ausgewählte Titel aus der Geschichte des deutschsprachigen Buchdrucks in Nordamerika von 1728 bis 1946. Die Titel sollen die ganze inhaltliche Bandbreite der Produktion abdecken: das Nützliche und das Erbauliche, das Hochgeistige und das Unterirdische, das Politische und das Private. Zusammengenommen ergibt sich vielleicht das Bild einer verschwundenen Welt: der Welt der in Amerika verlegten deutschsprachigen Bücher. Ein Blick in diese verschwundene Welt könnte uns vielleicht einiges darüber lehren, wie sich Einwanderer in der Fremde zurechtfinden, sich über sie verständigen, sich in ihr einleben. Diese Fremde kann überall sein. Gestern und heute. Dort in Amerika, hier in Deutschland.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, und wünsche Ihnen beides: Gute Unterhaltung und interessante Gedanken!

[1] Benjamin Franklin, Letter to Peter Collinson, May 9th 1753, in: Papers, Bd. 4, S. 484f.

[2] Benjamin Franklin: Observations Concerning the Increase of Mankind (1751), in: Papers, Bd. 4, S. 234.

2018-08-07T14:57:34+00:00
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