Rückkehr in den Schönborner Hof
Seit dem 5. März befand sich die älteste Buchhandschrift des Aschaffenburger Stadt- und Stiftsarchivs, sowie der „Landeskundlichen Bibliothek für Spessart und Untermain“ in den Händen von Restaurator*innen. Anfang August kehrte es zurück nach Aschaffenburg – bereinigt, erneuert und für die Zukunft gesichert. Spannend sind nicht nur die Vorgehensweisen, Handgriffe und Feinarbeiten im Restaurierungsprozess, sondern auch die (ungeklärte) Geschichte, die hinter dem Livre d’Heures im Aschaffenburger Stadtarchiv steckt.
In der Restaurierungswerkstatt
Nach der Feststellung des Schadensbildes des Stundenbuchs durch die Expert*innen wurde eine Reihe von Maßnahmen an den Blättern aus Pergament, dem Buchblock und Einband durchgeführt. Ziel war es vor allem die stark beschädigte Bindung zu erneuern und den ursprünglichen Zustand des Gebetsbuchs möglichst präzise wiederherzustellen. Einer der zunächst notwendigen Schritte war die aufwendige Trockenreinigung der Blätter aus Pergament. Schäden im Falz – z.B. durch geweitete Heftlöcher – wurden mit in Farbe und Struktur angepasstem Japanpapier geschlossen. Japanpapier ist ein dünnes, aber sehr reißfestes Papier aus Bastfasern und daher ein gebräuchliches Hilfsmittel in der Restaurierung alter Bücher, um Risse und Fehlstellen zu schließen. In der Restaurierung kommen zudem diverse Materialien (z.B. Latexschwämme) und spezielle Geräte zur Reinigung zum Einsatz. Für Vorsätze und Falz sind unter anderem native Klebstoffe wie beispielsweise Weizenstärkekleister und Knochenleime entscheidend . Um die Bindung des Stundenbuchs zu erneuern, wurde zunächst der Buchblock vom Einband getrennt und die Heftung aufgelöst. Anschließend wurde diese mithilfe eines Leinenzwirns neu handgeheftet. Zum Schluss wurde die Falz durch Japanpapier und Kleister verstärkt und die Lücke zwischen Buchblock und Einband mit einem Pergamentstreifen geschlossen. Der Einband, der dem Stundenbuch nachträglich hinzugefügt wurde, musste aufgrund seines guten Zustandes nicht restauriert werden. Die Restaurator*innen der Firma Schempp aus Kornwestheim dokumentierten die vielfältigen Arbeitsschritte fotografisch und schriftlich.
Der ungeklärte Fall: Livre d’Heures
Zwei Jahre ist es her, dass das Livre d’Heures im Zuge einer Handschriftenrevision in der Landeskundlichen Bibliothek in den Mittelpunkt von Nachforschungen gerückt ist. Beigelegt war ein Schriftverkehr zwischen dem damaligen Bibliothekar und einem Gutachter aus den 1980er Jahren. Ausschließlich diese Dokumente geben seither Aufschluss über Erstehungs- und Besitzgeschichte, Alter und Inhalt des Stundenbuchs. Der Gutachter, der bereits verstorbene Theologe und Bibliothekar Dr. Hermann Hauke, datierte den Entstehungszeitraum des Livre d’Heures auf das 15. Jahrhundert. Aus dem Schriftverkehr geht hervor, dass er eine Publikation als wenig sinnvoll erachte, da das Buch inhaltlich unvollständig sei und zudem in der Gattung der Stundenbücher keine Besonderheiten aufweise. In seinem Bericht nennt er das Fehlen eines typischen Kalenders, sowie Miniaturen. Anhand der Seitenstrukturen vermutete er, dass ein späteres Einfügen der Heiligenbilder angedacht war, jedoch nie ausgeführt wurde.
Obwohl der Verfasser sein Werk nie vollendete, weist das Stundenbuch durchaus originelle Charakteristika auf. Im Gutachten wird einerseits auf die mangelnde Orthografie der Schrift hingewiesen, gleichzeitig aber auch auf das gestalterische Bemühen des Verfassers hingewiesen. Aufwendige Verzierungen und Blumenranken rund um die Handschrift verleihen dem Stundenbuch eine kunstvolle und schöpferische Wirkung. Inhaltlich beginnt das Stundenbuch mit dem Marienoffizium, dem „Officium beatae Mariae Virginis“ nach dem römischen Usus. Es enthält einige, nicht lokal-spezifische, Litaneien, verschiedene Gebete und Orationen. Zudem finden sich darin das Totenoffizium, die Anrufung von Heiligen und es schließt mit dem Johannesevangelium. Dieser apotropäische Segen fungierte am Ende der Messe mitunter als Wettersegen. „Mit dem Livre d’Heures befindet sich ein kulturhistorisch hoch spannendes Alltagszeugnis der Frühen Neuzeit im Bestand des Stadt- und Stiftsarchivs“, sagt Bürgermeister Eric Leiderer, der in Aschaffenburg das Referat für Digitalisierung, Kultur, Tourismus und Sport leitet.
Während das Gutachten den Inhalt des Stundenbuchs weitgehend klärt, bleiben bis heute viele Leerstellen bezüglich der Entstehungs- und Besitzgeschichte. Neben Antiquariatssignaturen auf der Innenseite des Vorderdeckels und eines eingeklebten Vermerks auf das Frankfurter Antiquariat Goldschmidt, wo das Stundenbuch durch das Stadtarchiv Aschaffenburg erworben wurde, lassen sich keine weiterführenden Hinweise auf die Provenienz finden. Da die entsprechenden Seiten fehlen, bleibt bisher selbst der Titel des kostbaren Werkes unklar. Daher wird das Objekt im Bestand, so wie es in solchen Fällen üblich ist, als „Officum“ betitelt. Weitere Nachforschungen zu den ungeklärten Fragen werden nun in Angriff genommen. Über die Ergebnisse wird berichtet.
Eine Ansicht des Stundenbuchs kann zu Forschungszwecken im Stadt- und Stiftsarchiv beantragt werden. Der Öffentlichkeit sind Auszüge des Büchleins über den Medientisch im Foyer des Archivs jederzeit zugänglich.
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