„As Time Goes By…“ – Großer Andrang zur Ausstellungseröffnung

Am Dienstag den 12.03.2019 startete unsere Ausstellung „As Time Goes By…“ mit einem vollen Haus! Nicht nur der Vortragssaal, sondern auch der davor gelegene Gang und zu Teilen sogar die Eingangshalle wurden von den Besuchern, die sicherlich über die 100 zählten, gefüllt. Neben Oberbürgermeister Klaus-Herzog und Archivleiter Dr. Joachim Kemper, hielt auch der Fotograf Stefan Gregor eine einleitende Rede, die wir allen Interessierten, die am Dienstag nicht anwesend sein konnten, nicht vorenthalten wollen.

An dieser Stelle bedanken wir uns auch bei allen Anwesenden für Ihr Kommen und freuen uns auf weitere Besucher!


Rede zur Eröffnung der Ausstellung „As time goes by – Ein Vierteljahrhundert nach dem Abzug der US-Streitkräfte aus Aschaffenburg“
von Stefan Gregor

Zwischen meiner ersten Ausstellung zum Abzug der Amerikaner aus Aschaffenburg und der heutigen, über die sich daraus ergebenden Veränderungen liegt ein Vierteljahrhundert. Der für mich augenscheinlichste Unterschied: Zur Vernissage 1993 war der Fotograf blond und schlank, heute ist er grau und – Obelix würde das so ausdrücken – leicht untersetzt ; -))

1993: Helmut Kohl war Bundeskanzler, das D-Netz gerade eingeführt, man nutzte btx statt E-Mail, das www war noch nicht gestartet. Bill Clinton wurde am 20. Januar amerikanischer Präsident, Finnland, Schweden und Österreich begannen mit den Beitrittsverhandlungen zur EU. Es gab einen ersten Sprengstoffanschlag auf das World Trade Center in New York, in Solingen starben fünf Frauen und Mädchen bei einem Neonazi-Brandanschlag, in Phnom Penh hatte die Bundeswehr ihr erstes Todesopfer bei einem UN-Auslandseinsatz zu beklagen. In Deutschland wurden die 5-stelligen Postleitzahlen eingeführt, in Bosnien tobte der Balkankrieg, seit dem 1. Januar gab es den europäischen Binnenmarkt und ein Bildjournalist durfte im Aschaffenburger Stadt- und Stiftsarchiv seine Fotos zum Abzug der US-Truppen aus der Stadt ausstellen.

Von Januar bis April 1992 war ich nur an den Wochenenden in Aschaffenburg, ich machte zu der Zeit meinen Fotografenmeister in Würzburg und wohnte dort unter der Woche. Als ich danach wieder regelmäßig durch die Stadt fuhr, fiel mir im amerikanischen Viertel um die Würzburger Straße die Veränderung auf: In den Kasernen der US-Army standen keine Panzer mehr, die Kontrollen an den Kasernentoren fehlten, Umzugsaktivitäten bestimmten das Bild: Die Ami’s packten ein, der so genannte „draw-down“ des Standortes lief.

Ich bin „Mauerjahrgang“ 1961, Amerikaner in Aschaffenburg waren für mich Alltag. Ebenso wie der kalte Krieg und die beiden großen Blöcke West und Ost, oder wie manche es gerne ausdrückten: freie gegen unfreie Welt, Freiheit statt Sozialismus. Wie würde es aussehen, wenn am Jahresende kein einziger Soldat mehr hier wäre? Wenn auch die ganzen Familienangehörigen nicht mehr hier wären? Wenn es keine „Christmas-Lighting-Ceremony“ zum Nikolaustag für verwaiste oder sozial benachteiligte Kinder mehr gäbe? Und keinen Neujahrsempfang im Offizierscasino an der Berliner Allee? Kein deutsch-amerikanisches Volksfest?

Das Thema begann mich zu fesseln, ich streifte bis zum Jahresende 1992 immer wieder durch Kasernen und Wohnviertel, um das langsame Verschwinden einer Stadt in der Stadt zu dokumentieren. Das aufregende daran: Bislang konnte man – auch als Pressefotograf – nur in Ausnahmefällen IN die Kasernen hinein und noch seltener dort Fotos machen. Nun stand mir alles offen – nicht zuletzt dank des „Persilscheins“, den ich vom damaligen Deputy Commander Richard Benjamin bekommen hatte und der mir Tür und Tor öffnete.

„Ami’s“ in Aschaffenburg: Sie liefen, meist Freitagabends, die Würzburger Straße herunter, auf der Suche nach Unterhaltung, waren laut und fröhlich und irgendwie exotisch. Ein Stück amerikanisches Kino zum Anfassen, wie aus einem Hollywood-Streifen.
Die meisten von ihnen kamen mir ungeheuer stark vor, mit gigantischen Stiernacken und breiten Schultern, denen man den Soldaten auch ohne Uniform ansah. Ich hatte nie Lust, Ärger mit ihnen zu bekommen.

Zwischendrin liefen Militärpolizisten mit diesen riesigen Funkgeräten auf dem Rücken Streife, die „Würzburger“ auf und ab. Manchmal unterhielten sie sich mit ein paar Kneipengängern (und bedauerten wohl, dass gerade sie heute Abend Dienst hatten), manchmal mussten sie eingreifen, wenn wieder einmal einer zu viel „Good Heyland’s Beer“ getrunken hatte und Randale machte. Dann kam oft ein olivgrüner VW-Bus, um ihn zum Schlafen in die Kaserne ins „Kaffee Viereck“ zu bringen. Unvergessen auch die Momente, wenn deutsche und amerikanische Polizei auf dem Aschaffenburger Volksfest gemeinsam Richtung Festzelt rannten, um eine Schlägerei aufzulösen.

Die Kneipen rund um die Würzburger Straße waren voll mit GIs, Hardrock tönte auf die Straße und so mancher Anwohner schimpfte deshalb auf die „Besatzer“. Dafür freuten sich die Taxifahrer über das lebhafte Geschäft. Damals eröffnete Pizza Hut erstmals in Aschaffenburg, natürlich am oberen Ende der Würzburger Straße, in der Nähe zu den US-Einrichtungen. Nach wenigen Jahren machte er wieder zu, es sollte bis Februar 2018 dauern, bis wieder ein Pizza Hut nach Aschaffenburg kam.

Das erste Großprojekt, das nach dem Abzug in

Aschaffenburg Gestalt annahm, war die Gründung einer Fachhochschule in der Jägerkaserne. Bis 1995 waren die Gebäude renoviert, die organisatorischen und verwaltungstechnischen Arbeiten erledigt und der Lehrbetrieb konnte starten. Zuerst als Teil der FH Würzburg-Schweinfurt, später dann als selbstständige Hochschule.

Panzerstellflächen und Housing Areas (die Wohngebiete der Amerikaner) verwandelten sich: Es entstanden Gewerbegebiete und neue Wohnviertel, bestehende Kasernengebäude wurden zu Mietshäusern, am Wohngebiet Rosensee der Stadtgarten angelegt. Das war die „Konversion“ genannte Umgestaltung, eine riesige Chance für die Stadt und ihre Bewohner. Da solche Veränderungen eher schleichend vor sich gehen, merkt man erst nach einiger Zeit, was sich alles geändert hat und man vergisst, wie es vorher aussah.

Über diese Veränderung der früheren US-Flächen wollte ich wieder eine Fotoreportage machen, angelegt als „Vorher – Nachher“ – Vergleich sowie der Entdeckung des neu entstandenen. Die Idee dazu fing als kleiner Funke in meinem tatsächlich vorhandenen Gehirn etwa 2017 an, um im Laufe des ersten Halbjahres 2018 zum konkreten Vorhaben zu werden.

Der größte technische Unterschied zu 1992 war, dass ich nicht mehr auf Film fotografierte, sondern digital. Die Aufnahmen waren seinerzeit noch komplett „analog“ auf Schwarzweißfilm entstanden: Kodak T-Max 400 (üblicherweise im 50er Pro-Pack gekauft), meist auf ISO 1600 gepusht und in Tetenals phantastischem Zweistufen-Entwickler Emofin entwickelt, um danach auf Agfa Record Rapid Barytpapier vergrößert und im Warmtonentwickler verarbeitet zu werden. Interessant hierbei: Sowohl Kodak als auch Tetenal sind inzwischen insolvent. Leider. Allerdings gibt es bei Kodak die Nachfolgefirma „Kodak Alaris“, die wieder Dia- und andere Filme produziert. Und bei Tetenal aus Norderstedt hat sich die Belegschaft zusammengetan, um das Unternehmen fort zu führen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei! So, das war jetzt der Absatz für die Fotohistoriker : -)

Dabei für mich persönlich interessant: Die digitalen Aufnahmen erwiesen sich im Vergleich zu den analogen als um Klassen schärfer und brillanter. Das hatte ich in dieser Deutlichkeit nicht erwartet. Um das genauer zu erklären, müsste ich jetzt einen technischen Vortrag halten – den erspare mich mir und vor allen Ihnen aber! : -)

Der größte inhaltliche Unterschied zu 1992 war, dass ich nun meist Bilder von Gebäuden und Gebieten machte, auf denen kaum Menschen zu sehen waren. Abgesehen davon, dass ich nun keinen Um- bzw. Abzug von etwa 10 000 Menschen fotografieren konnte: Es gibt inzwischen das World-Wide-Web und die sozialen Medien. Durch sie hat sich in den letzten 10 Jahren das Verhältnis zu und das Verständnis dafür, fotografiert zu werden drastisch geändert. Vor allem zum Nachteil für uns Fotografen und Bildjournalisten in Deutschland, denn wie in kaum einem anderen Land begegnet man unserem Berufsstand hier inzwischen zurückhaltend bis abwehrend, über alle Gesellschaftsbereiche hinweg. Zahlreiche, vor Gericht ausgetragene Klagen belegen dies. Als Reportage- und Straßenfotograf steht man oft buchstäblich mit einem halben Bein im Gefängnis, wenn man seine Arbeit sinnvoll machen will. Denn dann fotografiert man möglichst unbemerkt. Sobald man bei einem spontanen Motiv erst fragt, ob man auslösen darf, ist es dahin. Einige der berühmtesten Fotos sind so entstanden … Aber das ist ein anderes Thema.

Ich war selbst erstaunt, wie schwer ich mir tat, für die Neuaufnahmen die richtigen Perspektiven und Standorte zu finden. Hier half oft nur der direkte Vergleich vor Ort mit den Aufnahmen von 1992. Manches konnte gar nicht mehr von genau demselben Standpunkt aus aufgenommen werden, anderes hingegen hatte sich kaum verändert. Interessant auch, wie wenig kreativ in Bezug auf ihre Architektur so manche Häuserblocks gestaltet wurden, und wie eng in so mancher neu entstandener Siedlung Nachbar an Nachbar lebt.

Ich freue mich sehr darüber, dass Sie so zahlreich zu dieser Vernissage gekommen sind! Herzlichen Dank an Sie dafür!

Ich danke ganz besonders meiner Frau Monika, die mich nicht nur im täglichen Zusammenleben mit nicht immer stoischer Gelassenheit erträgt, sondern in den letzten Wochen der Vorbereitung dieser Ausstellung, mich auch in Ruhe hat werkeln lassen. So manches ist dadurch zuhause liegen geblieben, ich will versuchen, das im Laufe der nächsten Jahre wieder aufzuholen : -)

Herzlichen Dank an den Archivleiter Dr. Joachim Kemper, der das Projekt von Anfang an unterstützte und es auf den verschiedenen digitalen Kanälen publik gemacht hat.

Ein weiterer Dank gilt Marita Mischon für ihre Arbeit im Hintergrund, ohne sie wäre keiner von Ihnen heute hier : -)

Und last but not least bin ich Uli Klotz unendlich dankbar für ihre Hilfe und ihren tollen Einsatz als Kuratorin dieser Ausstellung. Wäre sie nicht gewesen, hinge hier kein Bild an der Wand.

Ein letztes „Und“: Nicht zu vergessen die zahlreichen Helferinnen und Helfer im Hintergrund, ohne die so eine Veranstaltung nicht möglich wäre.

 

Ich wünsche Ihnen nun viel Freude beim Betrachten der Bilder und einen schönen Abend! Die Ausstellung ist eröffnet!


Öffnungszeiten

Montag bis Freitag: 11-16 Uhr
Samstag/Sonntag, 6./7. April und 4./5. Mai: 11-16 Uhr
Feiertags geschlossen
Eintritt frei

Führung durch die Ausstellung mit Stefan Gregor
Samstag, 6. April: 14 Uhr
Freitag, 3. Mai: 14 Uhr

2019-03-14T15:45:41+00:00

Ein Kommentar

  1. Astrid Petersen März 14, 2019 um 4:33 pm Uhr - Antworten

    Ich werdde kommen, da es für mich interessant ist, weil ich 1991 hergezogen bin und die Amerikaner noch im Freibad erlebten beim ausgefallen Training. In voller Montur mit schwerem rucksack auf dem 10 Meter Turm, wurde er von Kollegen bis zum Schwindel gedreht mit verbundenen augen und dann Richtung absprung geschupst. Dann musssten die Unartigen mit geschorenem Kopf in der würzbuger Str. mit blossen Fingernägeln das Kaugummi aufkratzen. Das netteste erlebt ich im Juni, hatte mich auf den Balkon gelegt und eingeschlummert. Ich wurde durch lautes Wummern geweckt, erst dachte ich die schießen oder Panzer rollen über die Ebertbrücke, dabei war es der Beginn des Volksfestes mit einem herrlichen Feuerwerk. Danke Aschaffenburg, dass du mich so nett begrüßt hast.

    Lieber Gruß Astrid Petersen

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